Vom Gast zum Gastgeber

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2023 kam Petrus Marsollek in einer schwierigen Lebenssituation ins Open Place. Ein Herzinfarkt hatte den damals fast 65-Jährigen aus der Bahn geworden. Fünf Monate musste er im Spital verbringen. «Die letzten zehn Wochen vor der Pensionierung war ich krankgeschrieben zu Hause in Kreuzlingen. Dann bekam ich die Schweizer AHV, aber die Rente, die ich mir in Deutschland erarbeitet hatte, verzögerte sich. Und gleichzeitig musste ich mich als alleinerziehender Vater um meine jüngste Tochter kümmern, die zwar schon volljährig war, aber finanziell noch ganz auf mich angewiesen. Ich hatte viele Schulden.» Im Open Place fand er nicht nur eine warme Mahlzeit und günstige Kleidung, sondern vor allem ein offenes Ohr. «Von Anfang an hat mich beeindruckt, wie respektvoll und vorurteilsfrei hier allen Menschen begegnet wird. Jeder wird mit Würde behandelt.»
Inka Grabowsky,
Reich an Erfahrungen
Petrus war – bevor er zehn Jahre als Servicetechniker in der Telekom-Branche arbeitete - dreissig Jahre lang Gastronom. «Ich habe Restaurants und auch mal ein Hotel betrieben und diverse Häuser rund um den Bodensee als Geschäftsführer zum Laufen gebracht. Dabei habe ich auch immer wieder gekocht. Im Open Place sah ich: Es braucht bessere Strukturen in der Küche. Da konnte ich mit meiner Erfahrung helfen.» Zeit habe er ja genug. Geübt im Umgang mit Menschen sei er auch. Und allein zuhause herumsitzen sei nicht attraktiv. «Also mache ich mit.»

Viele Hungrige
Die Aufgabe ist nicht trivial: Im Durchschnitt kommen 35 Menschen zum Mittagstisch am Mittwoch, es können auch einmal fünfzig sein. Um sie zu verköstigen, steht ein Budget von 150 Franken zur Verfügung. Man kann also nicht aus dem Vollen schöpfen, sondern muss überlegen, was gut schmeckt, ohne viel zu kosten. Dazu kommen besondere Ereignisse: Beim Zehn-Jahres Jubiläum 2024 etwa waren 200 Gäste zu bewirten. Wenn externe Gruppen die Kirche als Treffpunkt nutzen, kann Petrus einen Apéro Riche servieren.

Menschenführung
Die Führung des Teams ist ebenfalls anspruchsvoll. Einige der Gäste, die regelmässig zum Essen kommen, möchten gern helfen. «Wer sich gut eignet, wird von mir ausgebildet, zum Beispiel was die Hygiene, die Entsorgung des Grünabfalls oder die Lebensmittellagerung angeht. Inzwischen ist ein recht stabiles Team zusammen.» Manche der Menschen könnten aufgrund ihrer persönlichen Geschichte nicht gut mit Kritik umgehen. Da muss der Leiter der Küchenmannschaft Fingerspitzengefühl beweisen. Petrus selbst bezeichnet sich als widerstandsfähig: «Ich habe in meinem Leben so viele Härten erlebt, da legt man sich einen Schutzschirm zu, an dem vieles abperlt.»

Mitgefühl und Respekt
Das Open Place profitiert vom engagierten Mitarbeiter, der auch jenseits seiner Koch-einsätze immer wieder nach dem Rechten schaut. Und so ist er zum inoffiziellen Sozialarbeiter geworden. «Im Sommer haben einige Wohnungslose das Gelände rund um die Kirche in Kurzrickenbach zu ihrem Ersatz-Zuhause gemacht. Sie fühlen sich hier sicher, und das ist auch in Ordnung so. Man muss ihnen nur mitunter Grenzen aufzeigen. Gleichzeitig gebe ich ihnen auch etwas zu essen. Sie respektieren mich, weil ich sie respektiere.»

Ein Herzenswunsch
Petrus Marsollek ist zu einem überzeugten Unterstützer des Projekts der evangelischen Kirchgemeinde Kreuzlingen geworden, ganz zufrieden ist er allerdings nicht. «Wenn ich Millionär wäre, dann würde ich hier ein Badezimmer einrichten. Ein Raum mit Dusche fehlt uns noch.» Das ist räumlich schwer umzusetzen, aber vielleicht geht eines Tages ein anderer Wunsch in Erfüllung: «Wir haben eine kleine Haushalts-Waschmaschine geschenkt bekommen, die eigentlich nur für unsere Handtücher gedacht war. Aber immer mal wieder waschen wir die Wäsche von Gästen. Wer allein lebt, der verlottert. Und wenn man ungepflegt ist, dann wird man noch weiter ausgegrenzt.» Eine Industrie-Waschmaschine, die die Wäsche auch gleich trocknet, würde das Leben erleichtern.

Autorin und Foto: Inka Grabowsky

«Gebraucht zu werden, gibt mit Kraft», sagt Petrus Marsollek. Trotzdem braucht auch er Unterstützung. Wer Freude daran hat, für viele Menschen zu kochen, kann sich gern beim Open Place melden. Ein Einsatz im Monat für den Mittagstisch am Mittwoch wäre hilfreich (Open Place: 071 672 42 04 oder direkt bei Petrus: petrus.marsollek@open-place.ch, 079 208 06 22). Auch Spenden für den Mittagstisch sind herzlich willkommen.
Spendenkonto Open Place: TKB IBAN: CH62 0078 4012 1441 2200 3.